Hallo zusammen
Eine Frage, die mich umtreibt: Wieso eigentlich zahlen die SBB (und natürlich dann wir alle, entweder via Billetkosten, via Steuern oder sonst via Serviceabbau – oder fehlende Lohnerhöhungen beim Personal…) den Umbau der “Dosto”-Züge, um die untaugliche Wankkompensation zu beerdigen? Und nebenei höhere Anschaffungspreise für untaugliches Hightech und zu hohen Unterhaltsaufwand während vieler Jahre?
Die SBB hat zu kritischen “Medienberichten” Stellung bezogen. Aber bei allem Respekt, das hier beruhigt nicht wirklich – es liest sich eher wie eine Sammlung von Ausflüchten:
https://news.sbb-tickets.cc/medien/artikel/132005/umbau-fv-dosto-kostet-hohen-zweistelligen-millionenbetrag
Die Argumente geben keine wirklichen Antworten, aber werfen noch mehr Fragen auf. Ich versuche es mit einen Plausibilitätscheck:
“Die SBB hat das Geschäft FV-Dosto – wie jedes grosse Beschaffungsprojekt – von Anfang an intensiv begleitet, Chancen und Risiken abgewogen und verschiedene Optionen wiederholt und sorgfältig geprüft. Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile hat die SBB jeweils beschlossen, das Geschäft weiter zu verfolgen.”
Plausibel? Bestenfalls halb. Möglicherweise haben die Techniker:innen das Projekt gut “begleitet”. Wenn das der Fall ist, wirft das aber hinsichtlich der juristischen “Begleitung” Fragen auf: War es Teil des Werkvertrags, dass eine funktionstüchtige Wankkompensation geliefert wird, die ihren (einzigen ersichtlichen) Zweck erfüllt, nämlich schnellere Fahrgeschwindigkeiten in Kurven zu ermöglichen – ohne die übrigen berechtigten Erwartungen an einen Fernferkehrszug zu beeinträchtigen (z. B. angemessenen Fahrkonfort)?
“Alle FV-Dosto wurden inzwischen abgenommen. Sie erfüllen damit die vertraglich vereinbarten Anforderungen. Garantiearbeiten werden regelmässig durch Alstom durchgeführt, wie bei Schienenfahrzeugen üblich.”
Plausibel? Nicht wirklich: Begründung fehlt. Abnahme heisst: Werkvertrag erfüllt. Wieso wurde die Lieferung je “abgenommen”, wenn die Wankkompensation ihre (einzige) Funktion, nämlich schnellere Geschwindigkeiten in Kurven, offenbar gar nie wirklich erfüllt hat? Und sogar wenn sie das hätte: Offenbar wurden die übrigen üblichen Anforderungen, welche die Käuferinnen SBB erwarten durften beim Kauf eines Fernverkehrszugs i. S. Fahrkonfort bis jetzt nie alle erfüllt. Darum muss der Zug ja jetzt umbegaut werden.
“Der FV-Dosto gehört heute zu den zuverlässigsten Flotten der SBB und bildet das Rückgrat des Fernverkehrs in der Schweiz.”
Plausibel? Ja. Das kann ich nicht überprüfen, aber ich glaube es gerne. In meiner persönlichen Erfahrung sind die Intercity pünktlicher geworden – ob das am Dosto liegt, weiss ich nicht. Und von den zu knapp kalkulierten WCs (oft unbrauchbar - im IC2000 gabs 2 pro 2.Kl.-Wagen), von der Halsstarre-Klimaanlage, vom Perron-Rennen verursachenden, alle verärgerdenden Veloverlad in alle Wagen, abrupten Bremsmanövern, etc. sehen wir an dieser Stelle mal ab…
“Bei Störungen und bestimmten Konstellationen der Schnittstelle zwischen Rad und Schiene können im Wako-System leider nach wie vor Schwankungen entstehen. Um diese zu eliminieren und den Fahrkomfort des FV- Dosto weiter zu verbessern, entwickelt die SBB derzeit gemeinsam mit Alstom einen Prototypen für ein optimiertes Drehgestell.
Der Auftrag für den Prototypen eines optimierten Drehgestells ohne Wankkompensation wurde bereits 2023 erteilt und nicht 2024.
Sollte der Prototyp die erforderlichen Verbesserungen sowohl aus Kunden- als auch aus wirtschaftlicher Sicht sicherstellen, werden die Anpassungen der Drehgestelle im Rahmen der ordentlichen Revisionsarbeiten vorgenommen.”
Plausibel? Ja. Aber was verwirrt: Der Umbau wird hier dargestellt wie ein “Upgrade”. Ist es nicht ein “Downgrade” von bezahltem, teurem High-Tech auf bewährtes, altbekanntes Low-Tech? Wäre der Zug nicht schon in der Anschaffung viel billiger gewesen, wenn man ihn ohne “Wankkompensation” bestellt hätte?
“Die angeblichen Kosten von 250 Millionen Franken sind falsch und rein spekulativ. Zum aktuellen Zeitpunkt geht die SBB von wesentlich tieferen Kosten aus. Ein allfälliger Umbau des Drehgestells hätte zudem längerfristig tiefere Instandhaltungskosten zur Folge, da sich die Instandhaltungsarbeiten einfacher gestalten würden.
Ein möglicher Umbau des FV-Dosto wirkt sich nicht auf die Billettpreise aus. Die Tarifmassnahmen im öffentlichen Verkehr werden von der Branchenorganisation Alliance SwissPass (ASP) festgelegt.”
Plausibel: Nein. Diese Antwort ist die Kirsche auf dem Sahnehäubchen! Bei allem Respekt, aber das so stehen zu lassen heisst, Passagiere für dumm zu verkaufen. Auch bei den SBB fällt das Geld nicht vom Himmel, und Tarifverträge sind keine Goldesel (hoffentlich!). Es geht übrigens nicht nur um den Preis des Downgrade-Umbaus, der als hoffentlich letzter Akt des Trauerspiels anfällt. Es geht auch um die Preisdifferenz, die bei der Anschaffung anfiel, weil der Zug das zusätzliche (!) “Extra” der (unbrauchbaren) Super-Tech-Wankkompensation enthielt. Und die Preisdifferenz für den erhöhten Wartungsaufwand für eine (unbrauchbare) Wankkompensation seit nunmehr etwa 10 Jahren! Irgend jemand zahlt die Zeche, und die SBB Führungsriege scheint das nicht als ihre persönliche Verantwortung zu betrachten. Vielleicht geht es, auf den Km/Passagier gerechnet, nicht um viel. Aber eine transparente Kommunikation würde das vorrechnen, anstatt plump zu verschleiern.
Sollten uns die SBB nicht die transparente, echte Rechnung vorlegen? Wie gross ist die Preisdifferenz pro Sitzplatz zwischen: Anschaffung normaler Hochgeschwindigkeits-Doppelstöcker ohne Wank-Kompensation versus Anschaffung, erhöhter Wartungsaufwand und Downgrade-Kosten der Wankel-Dosto?
Ich glaube, das wäre nicht zuviel erwartet. Die SBB haben höhere Transparenzpflichten als “irgendein” Unternehmen. Schliesslich haben die Passagiere auf den allermeisten Strecken keine Wahl – weshalb sie mehr Transparenz verdienen.
Wie seht IHR das?