Bereits vor Jahren wurde im Bahnhof Bern mittels Pfeilen am Boden versucht, in Stosszeiten die Personenströme zu kanalisieren. Ich erinnere mich gut, wie mich eines Morgens ein entgegenkommender Passant physisch angerempelt hat – das war äusserst unangenehm. Der Mann war offensichtlich nicht einverstanden mit der neuen Regelung der Personenverkehrsführung und drückte dies mit seinem Verhalten gegenüber den Passanten aus, die sich korrekt verhielten.
Im Zuge des Umbaus im Bahnhof Bern wurde vor kurzem ein Teil der Unterführung so gestaltet, dass zwei richtungsgetrennte Tunnel entstanden. In beiden wird die Laufrichtung mittels Pfeilen an den Wänden angezeigt.
Muttertag 2026: Als ich heute Morgen meine Liebste auf den Zug begleitet hatte, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Noch etwas sonntagmorgen- bzw. abschiedsbenebelt begab ich mich Richtung RBS-Bahnhof.
Da traf ich auf drei Leute in Leuchtwesten mit Hund, die in einer Reihe daherkamen, eben auch in der Gegenrichtung. Ich habe mir erlaubt, diese Reihe zu durchbrechen, was mir böse Blicke und Worte bescherte.
Ich drehte mich um und fragte sie: «Wissen Sie, worin Analphabetismus gipfelt? Darin, dass man die einfachsten Zeichen nicht mehr lesen kann… wie z. B. einen einfachen Pfeil»
Daraufhin wurde ich unfreundlich belehrt. Frei interpretiert und sinngemäss: «Wenn das die einzigen Probleme wären, wäre unsere Welt eine bessere.»
Grundsätzlich bin ich nicht für Konfrontation, sondern für Begegnung. Ich finde es auch schöner, wenn man sich auf einem Weg treffen, vielleicht sogar in ein Gespräch treten kann. Also ja, ich bin auch für ein freies Gehen und Bewegen.
Doch erwarten wir von den öffentlichen Verkehrsbetrieben, dass sie uns pünktlich von A nach B transportieren. Dabei spielen die stetig zunehmenden Personenmassen eine entscheidende Rolle. Ich erlebe es fast jeden Tag, wie viele Menschen auf dem RBS-Perron stehen und die aus dem Zug steigenden Passagiere behindern. Auf dem Boden steht: «Hier ist kein Wartebereich.» Auch hier die Frage: Analphabetismus? Oder doch eher einfach nur Egoismus?
Aus der Reaktion der oben geschilderten drei Leute gehe ich davon aus, dass sie nicht einfach diesen Weg genommen haben, weil es gerade praktischer war, oder weil sie sich schlicht vertan hatten. Ich vermute, dass sie dies auch in Stosszeiten machen würden – aus Protest vielleicht?
Mit Sicherheit sind sie damit nicht auf Begegnung aus, sondern auf Konfrontation. Ohne solches Verhalten wäre unsere Gesellschaft – in der Achtsamkeit zum Fremdwort verkommen ist – tatsächlich eine bessere.
Wobei ich ehrlich sein muss: Auch ich bin auf Konfrontation aus – allerdings gegen Unachtsamkeit und Egoismus. Vielleicht sind wir uns da gar nicht so unähnlich.